Julia

Julia

 

Kann ich noch ein bisschen Mumm haben, fragt sie.

Ja, sagt er.

Seine Stimme ist weich und dunkel. Nicht zu weich, nicht zu dunkel. Es ist eine Stimme,  wie sie sie noch nie hörte. Seine Stimme, die so klingt –  die nur dann so klingt, wenn sie beide dieses Ziehen im Herzen haben, dieses Ziehen im Bauch, dieses Weinen und Lachen, das aus ihnen herauszittern will.

Sie sieht seine Augen über sich, sie fühlt seine Arme, seine Lippen, seine Zähne.

Das Glas ist lang und schmal, zum Glück nicht leicht zerbrechlich. Er reicht es ihr. Sie kann es halten. Er hat es nicht randvoll eingeschenkt, damit sie nicht zu leicht etwas verschüttet. Sie merkt es. Sie bemerkt diese kleinen Aufmerksamkeiten und staunt. Eine wilde staunende Dankbarkeit tanzt da in ihr. Sie lacht.

Sie stoßen an. Das Glas klingt nicht, es ist zu dick. Sie kennen das schon, dieses Nichtklingen ihrer dicken schmalen Sektgläser. Sie ziehen die Augenbrauen hoch wie immer und prosten. Sie trinken ein paar Schlucke. Sie betrachtet seinen Kehlkopf, wie er sich bewegt, wenn er trinkt, nach oben und nach unten. Langsam legt sie den linken Arm um die Stuhllehne. Sie will ihren Brustkorb weiter machen. Sie räuspert sich.

Er steht auf und nimmt ihr das Sektglas aus der rechten Hand und stellt es auf den Tisch. Sie legt nun auch den rechten Arm über die rechte Stuhllehne. So kann sie besser sprechen, atmen. Er sieht ihren leicht getönten Halsausschnitt, ihre schlanken Arme unter dem schlichten schwarzen Sommer-T-Shirt mit dem spitzen Ausschnitt. Das steht dir gut, will er sagen, aber er räuspert sich nur.

Sie lacht. Ihre Zähne schimmern. Die langen dunklen Ohrringe zittern über ihrer Schulter, wenn sie lacht. Ich glaube, denkt er, sie hat ähnliche Augen wie ich. Seeblau, hat sie einmal gesagt. Auch die Form. Kleine blaue Augenmuscheln. Ihr kurzes gelocktes Haar. Wie meins, denkt er. Ist es nicht ähnlich wie meins.

Sie schaut vor sich hin.

Er weiß, dass sie ihm gern übers Haar streicht.

Er geht zu ihr, kniet sich vor sie und legt seinen Kopf in ihren Schoß. Er spürt, wie sie atmet. Sie muss einen Arm von der Lehne lösen, bevor sie ihn streicheln kann. Er wartet. Ihre Hand ist kühl.

Ich – sagt er.

Ich auch, sagt sie.

Er schaut sie an. Er weiß, dass sie Angst hat. Eine furchtbare peinliche Angst. Es ist niemand da außer ihm. Sie ist ganz auf ihn angewiesen. Er muss ihr überall helfen.

Er legt seine Lippen auf ihre. Sie hat den Kopf ein wenig nach hinten geneigt. Er streicht über ihre Arme. Der Stuhl stört.

Er überlegt.

Sie weiß, dass er Angst hat. Das letzte Mal hat er sich zuerst ausgezogen, während sie im Stuhl saß und ihm zusah. Sie wusste, dass er Angst hat. Als er ganz nackt war, fühlte sie, wieviel Überwindung es ihn kostet, sich aufzurichten. Er ist dann zu ihr gekommen und hat sich vor sie gestellt. Ja, sagte sie. Sie hat heiser gesprochen und sich gewundert, dass sie überhaupt einen Ton herausbekam. Sie musste sich vorbeugen, und die Hände an ihren Armen fielen herum und zuckten, und sie fühlte ihren Brustkorb enger werden und schmerzen, aber sie hatte sich weiter nach vorne gebeugt und Komm gesagt, und er hatte verstanden und war ganz nahe gekommen zwischen ihren im Stuhl liegenden angezogenen Beinen. So nackt und weiß war er zwischen ihnen gestanden, ganz nah, dass ihr Mund ihn berühren konnte.

Nun hat er wieder begonnen, sich auszuziehen. Sie sieht zur Seite, um ihn nicht verlegen zu machen.

Ziehst du mich auch aus, bittet sie ihn dann leise. Erst einmal oben herum.

Er nickt.

Er geht zu ihr, sie riecht seine Haut. Er muss sich ganz nahe zu ihr stellen. Er hält ihre Arme hoch. Sie versucht ihm zu helfen, so gut es geht. Er zieht ihr das T-Shirt über den Kopf, küsst ihren Nacken, fest, immer fester. Sie schließt die Augen. Er streicht ihr über die Schulterblätter, ihre schiefen, ein wenig bläulich verfärbten Schulterblätter. Er zieht ihr Unterhemd aus.

Sie weiß, dass sie schön ist. Sie fühlt ihre Brüste. Sie fühlt die Sehnsucht ihrer Brüste, die sich aufrichten nach diesen Händen, nach seinen Händen.

Er sieht sie an. Seine Lippen sind geöffnet. Er hat seinen Kopf ein wenig zur Seite geneigt und sieht sie an.

Ja, sagt sie.

Er beugt sich zu ihr herunter. Er schiebt seinen rechten Arm unter ihre beiden Knie, sein linker Arm stützt ihren Rücken. Er trägt sie ins Bett und legt sie auf die Decke.

Sie zittert.

Frierst du? fragt er.

Sie schüttelt den Kopf. Ihr Blick macht ihn schwindlig. Er legt sich neben sie. Sie sehen sich an. Ihr Mund. Ganz langsam nähert er sich ihrem Mund. Sie hebt den Kopf und versucht, die Arme um ihn zu legen. Er versteht. Er legt sich halb auf sie.

Er spürt ihr Herz schlagen. Sie beginnt, ihn zu küssen. Einmal, zweimal. Ihre Zunge streicht über seine Zähne. Er macht die Augen auf und sieht ihr Gesicht wie ein einziges Lächeln. Sie atmet, sie küsst, er spürt ihren Bauch.

Julia, sagt er und immer wieder Julia.

Sie sieht ein Meer von Blau in sich übergehen. Ein Strahlen bis in die Fingerspitzen.

Ja, sagt sie. Ja. Und immer wieder Ja.

Sie wirft ihren Kopf auf die Seite, und er saugt sich an ihrem Hals fest.

Es fängt an zu wimmern in ihr. Sie fühlt Rosenblüten, schwere, duftende Rosenblüten in sich aufgehen. Dunkelrote, orangenrote, weiße Rosenblüten öffnen sich da in ihr und duften.

Julia, sagt er.

Sein Gesicht ist über ihrem. Sie wird vom Samt seiner Augen umhüllt. Aber trotzdem.

Ich habe solche Angst, flüstert sie.

Es wird gut gehen, sagt er. Plötzlich lächelt er: Und wenn nicht, sagt er wie verschmitzt, dann leg’ ich dich eben trocken. Ich kann das doch schon. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.

Du bist ja auch schon groß, sagt sie und zwinkert.

Sie müssen lachen.

Er legt sich neben sie.

Er denkt daran, wie es nicht geklappt hatte beim letzten Mal. Dass er beim Arzt gewesen war und der ihm versichert hatte, dass alles in Ordnung sei. Und dass das ganz natürlich sei, dass sich das von selbst geben würde, wenn sie sich besser kennen würden. Er hatte ihm aber nichts von Julias besonderer „Situation“ erzählt. Er wollte auch vor dem Arzt nicht alles auf Julia schieben. Er hatte nur gedacht, dass …

Denkst du jetzt, dass du bei mir besonders toll sein musst? fragt Julia jetzt.

Er hatte ihr von dem Arztbesuch erzählt.

Er sieht sie an und denkt über ihre Frage nach.

Ja, sagt er schließlich. Ich glaube schon.

Ich kann dir nicht so viel helfen dabei, ist es deshalb? fragt sie.

Hhm, ja.

Ihre Traurigkeit tut ihm weh.

Weißt du, sagt er plötzlich wie aufgekratzt und lacht. Wenn ich tanzen könnte, weißt du, wenn ich tanzen könnte, er wird ganz eifrig, dann würde es doch überhaupt nichts ausmachen, wenn du nicht …

Er bricht plötzlich ab, weil er nicht weiß, wie offen er sein kann, ohne sie zu verletzen.

Sie weiß, dass sie wieder einmal stark sein muss in diesem Moment, dass ihr Humor gefragt war, ihre Fähigkeit zur Selbstironie. Dass sie lachend so etwas sagen müsste wie: Ach, das lernst du schon bei mir, das Tanzen, notwendigerweise, verstehst du, oder so etwas in der Art.

Stattdessen sagt sie: Halt mich, halt mich ganz fest! Und sie wünscht sich nichts sehnlicher als jetzt weinen zu können, weinen, bis der ganze Hass auf diesen lahmen Unterleib an ihr herabflösse wie Gift, das nach außen drängte, um sie zu reinigen, um ihre Seele rein zu waschen für diese Liebe, für diese große, köstlich reine Liebe, die sie in sich entstehen spürt.

Er hält sie. Er hat beide Arme um ihren Rücken geschlungen und hält sie.

Zieh mir das Zeug aus, sagt sie. Sie ist wütend. Zieh mir das blöde Zeug da aus.

Er versucht, sie nicht loszulassen. Mit dem linken Arm hält er sie, mit der rechten Hand versucht er, ihre Hose auszuziehen. Es geht nicht. Er muss beide Hände nehmen. Sie kann sich nicht bewegen und ihm helfen dabei.

Er kniet sich neben sie und zieht sie aus. Er hat Angst, sich ungeschickt dabei anzustellen. Er zieht den Bauch ein. Er wird wütend, weil er den Klebstreifen der Windel nicht aufbekommt. Er wird wütend auf sich und seine Ungeschicklichkeit.

Sie hilft ihm. Es gelingt ihr tatsächlich, mit ihrer rechten Hand den Klebstreifen zu lösen. Er sieht ihr zu und tut es ihr nach mit dem linken Klebstreifen. Vorsichtig rollt er sie auf die Seite, zieht die Windel unter ihr weg und lässt sie auf den Boden fallen.

Sie hat sich von selbst auf den Rücken gerollt, als er sich ihr wieder zuwendet.

Er will sein Gesicht in ihren Schoß vergraben, wagt es aber nicht. Er nimmt die Bettdecke und deckt sie beide zu. Sie liegen nebeneinander und atmen.

Er fühlt ihre Haut an seiner Haut. Sie hat die Augen geschlossen.

Sie stellt sich vor, wie er auf ihr tanzen würde. Mit langsamen kreisenden Hüftbewegungen. Sie würde ganz still sein und von ihm getanzt werden. Sie wünscht sich so, von ihm getanzt zu werden, dass ihr schwindlig wird. Komm’, denkt sie. Komm doch.

Er spürt ihren Puls durch die Hüfte. Wenn er doch beweglicher wäre. Er dreht sich zu ihr um und sieht sie an. Er sieht sie nun immer an. Sie lassen sich nicht mehr los mit den Augen. Er legt sich auf sie und hält ihren Oberkörper.

Mit den Augen lieben, denkt er. Dass man so mit den Augen lieben kann.

Versuch’ es doch, sagt sie und lässt ihn nicht los mit den Augen.

Ja, sagt er. Er nimmt seine Hände von ihrem Rücken und legt sie auf ihre Hüften.

Weißt du, sagt er. Neulich, da habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, dass das da unten richtige Lippen sind.

Ja, sagt sie, und ihre Augen liebkosen seine. Ich habe mir vorgestellt, dass ich deine Zunge spüren könnte.

Er hebt ihre Hüften an und presst sie an sich. Er bewegt sich langsam und stellt sich vor, dass sie ihn spüren könnte.

Sie hören auf die Musik in sich, auf das langsame Rauschen und Schlagen, und sie tun immer das Gleiche, immer das Gleiche, ihre Brüste versuchen mit ihm zu kreisen, ihre schmalen Beine liegen neben seinen, und er bewegt sich, und er bewegt sich.

Ihre Augen tanzen den Augentanz miteinander, den blauen, samtenen Augentanz. Es wird ihnen hell hinter den Augen, sie sehen die Weite, die helle einzige Weite, während er sich bewegt, während sie sich versucht zu bewegen und zu kreisen – oh, wär’ das gut und langsam ineinanderübergehen – sie merkt es erst kaum, doch dann wird es deutlicher, sie glaubt zu spüren, wie er sich in ihr bewegt, wie er in ihr kreist, und sie lassen sich nicht los mit den Augen, sie lassen sich nicht los mit ihren Brüsten und Armen und Schößen. Wie nah können wir uns noch sein, wie nah können wir uns noch sein, singt es in ihnen, und sie lassen die Augen offen, ganz weit offen und lassen sich ein in diese Augenweite und auf das, was da noch weit innen auf sie beide warten mag.

Es wird viel Zeit vergangen sein, später. Eine weite helle Zeit wird vergangen sein. Und als sie dann wieder am Tisch sitzen, sie nackt in ihrem Rollstuhl, er nackt auf dem kleinen grünen Küchenhocker und als sie Käsebrötchen essen und den Rest von Mumm-Sekt dazu trinken, dann sagt sie: Und wenn wir jetzt ein Kind bekommen …

Dann werden wir nicht mehr so viel Zeit haben, sagt er und kaut. Julius wird uns ganz schön auf Trapp halten.