Bournout in Bad Himmelen

Paula C. Georges

 

 

„ … und schlafe hundert Jahr …“

Szenische Spiele der Burnout-Gruppe im Kliniktheater von Bad Himmelen

 

Ort:

Burnout-Klinik in Bad Himmelen

Personen:

Klinikteam, reizend

Hl. Petra        Klinikchefin in Bad Himmelen, taucht aber nie leibhaftig auf, nur als Projektion

Rita Engel      Allroundtherapeutin im Klinikum

Rudolf Purzel„Männchen für alles“ im Klinikum, ebenfalls Therapeut etc., Ex-Ehemann des Rauschgoldengels

Patienten, verhärtet vor Tüchtigkeit

Prof. Fritz

Majorin

Student

Frau Ka


Erstes Trimester

 

Ankunft: Gespenster

 

Bühne dunkel. Geräusche von ankommenden Autos. Dazwischen Vogelgezwitscher und Wasserplätschern. Dann wieder Autos. Schritte. Kofferschleppgeräusche. Stöhnen. Seufzen. Vogelzwitschern.

 

Dämmerlicht.

Man sieht ab und zu die ankommenden Patienten als graue Gestalten überbetriebsam hin und her laufen. Sie kommen auch aus dem Zuschauerraum. Manche setzen sich zunächst irgendwohin und wollen weinen, können aber nicht. Dafür scharren sie ständig mit den Füßen, lachen unvermittelt und hören genauso plötzlich wieder auf. Sie sagen „Hallo“ und „Kein Problem“, dann versuchen sie wieder zu weinen, können aber nicht, stehen auf und hasten schleppend weiter.

Aufblitzende stummeBild- und Video-Projektionen von Stellungskriegsfronten, Materialschlachten, Schönen Neue Arbeitswelten. So schnell blitzen die Bilder auf, dass sie eher assoziativ wahrzunehmen  sind – eher wie FeuerwerksBilder aus dem Off

Allmählich hellgrau werdendes Dämmern. Das Vogelzwitschern nimmt überhand. Ebenso das Wasserplätschern. Wohlriechende Düfte. Heftiges Flüstern: „Bodyscan Bodyscan!“

Die grauen Gestalten in Sack und Asche aber mit grell geschminkten roten Lippen und gekajalten Augen, Wangenrouge all over, begrüßen sich und auch einige Zuschauer nun mit Handschlag: „Guten Tag!““Guten Tag!“ Einer sagt „Frohe Weihnachten“, ein anderer „Frohe Ostern“, ein Dritter „Alles Gute zum Geburtstag“ Es wird extrem viel gelächelt.

Bühne erleuchtet.

 Links und rechts am mittleren Bühnenrand steht je ein doppelstöckiges Feldbett.An der Rückwand ist eine golden glitzernde Himmelsleiter angelehnt, die bei Bedarf als Rettungstrage, FeldbettLeiter, Sänfte etc. genutzt werden kann.

Rita Engel und ihr Co Rudolf Purzel auf die Bühne von rechts und links.

Rita Engel, läutet mit einem Glöckchen, sehr laut:

Wir bitten zum Empfang! Die neu angekommenen Patienten mögen sich bitten im Theatertherapieraum der Klinik zu Bad Himmelen einfinden: Prof. Fritz! Die Majorin! Der Student! Frau Ka! Bitte zum Empfang! Prof. Fritz, Majorin, Der Student und Frau Ka! Bitte zum Empfang!

 

Die grauen Gestalten hasten auf die Bühne. Kurzatmig. Atemlos. Nervös kichernd einerseits, betont lässig andererseits.

 

Empfang

Die Patienten Prof. Fritz, Majorin, Student und Frau Ka rechtsRita Engel  und Rudolf Purzel vorne mittig, reichen Sektgläser

 

Rita Engel:

Sehr geehrte Patienten, alte, neue, Wiedergänger und solche, die es werden wollen!

Im Namen unserer Klinikchefin im Hintergrund Projektionsbild der Heiligen Petra

begrüße ich Sie zum diesjährigen Trimester-Trio der Lebensfreudewiedergewinnler hier in unserer Klinik in Bad Himmelen! Wir wollen, dass Sie sich wohlfühlen.Deshalb lächeln wir ohne Falsch. Das gibt es. Wir haben es bis ins Innerste trainiert. Wir wollen Ihre Sicherheit und Wohlgefallen. Schaut sich um. Purzel klatscht Beifall. Patienten, zögernd, ebenfalls. Rauschgoldengel schelmisch weiter. Und ich kann Ihnen versprechen, dass wir versuchen werden, Sie zum Lachen zu bringen. Setzt sich eine Clownsnase auf. Purzel lacht. Nicht nur, dass das die Lebensgeister- und kobolde stärkt, zupft sich an der Clownsnase , das soll Ihnen auch die finsteren Grübeleien vertreiben und so weiter. Natürlich gibt es auch alternative Spritzen und Medikamentenberge und andere spirituell notwendige Behandlungen. Aber zuvörderst dürfen Sie spielen! Prof. Fritz klatscht. Ja, unser lieber Herr Prof. Fritz, wie jedes Jahr gell. Er kennt sich schon aus. Sie dürfen Gleiche im Unglück spielen. Märchen und Himmel und Hölle. Prost! Purzel, der inzwischen auf silbernen Tabletts die Sektgläser verteilt hat gibt das Kommando zum Anstoßen. Alles erheben das Glas, prosten sich zu. Unser Essen ist ausgezeichnet verträglich mit der Zeit. Nicht zu süß, nicht zu sauer. Sie werden lernen, wie Sie sichin  himmlischem Selbstvertrauen ergehen und so weiter. Prost! Alle prosten.

Zunächst einige Daten zum Ablauf Ihrer von uns geplanten Heilung und so weiter.

Erstes Trimester: Durch unterstützende Autobefruchtung entwickelt sich ein – Ihr – Inneres Kind! … Zunächst völlig unbemerkt … von Ihren Stimmungsschwankungen … sind normal, auch Übelkeit, sich häufendes Weinen, ständige Müdigkeit und Übersensivitismus. Am Ende des ersten Trimesters könnten Sie mit etwas Glück schon die Gesichtskonturen Ihres Inneren Kindes erkennen. Die Nabelschnur zwischen Ihnen wird dann schon vorhanden sein.

Im zweiten Trimester werden sich Ihre Körper und Seelen stabilisieren. Sie werden an Gewicht zunehmen und eine schützende Fettschicht bilden. Ihr Schlafrhythmus ändert und verselbstständigt sich. Alles wird weiter und dehnbarer. Sie werden mit dem inneren Nestbau beginnen.

Im dritten, Ihrem letzten KlinikTrimester, werden Sie häufig die Bewegungen Ihres Inneren Kindes zu spüren bekommen. Das kann schmerzhaft wie scherzhaft sein und Ihnen wiederum den Schlaf rauben. Auch Alpträume von der baldigen Rückkehr in die frühere AlltagsWirklichkeit und von der Geburt Ihres hoffentlich kräftigen Inneren Kindes werden zu dieser Zeit dazugehören. Das ist völlig normal. Ihr Herz  wird schneller schlagen als gewöhnlich. Ihr Leben wird von nun an ein anderen sein. Nichts ist wie vorher.

 

Die Patienten fangen an, zunehmend mit den Füßen zu scharren. Majorin droht in Ohnmacht zu fallen. Frau Ka winkt um Hilfe und stützt sie.

 

 

Bettenverteilung, erste Runde.

 

Purzel und Prof. schieben die zwei doppelstöckigen Feldbetten nach vorne mittig in geringem Abstand nebeneinander. Der Student legt sich als erster in das linke untere Bett und streckt sich.Purzel und Prof. tragen diegoldene Himmelsleitervor und legen die Majorin wie auf einer Rettungsbahre darauf, transportieren sie damit  und heben sie behutsam auf das rechteuntere Feldbett. Dann winken sie den Student wieder aus den Bett, damit er ihnen helfe, die Himmelsleiter quer über die oberen Feldbetten zu legen, wie ein Brücke, ein Steg o.ä. Rauschgoldengel steigt mit Hilfe Purzels und des Profs. auf diese Himmelsleiter und stellt sich mit ausgebreiteten segnenden Armen darauf. Prof Fritz setzt sich zur Majorin auf den unteren linken Feldbettrand hält ihr die Hand. Frau Ka bleibt allein rechts stehen und weiß nicht, wozu das gut sein soll. Purzel fährt im Folgenden auf einem Fahrrad immer weitläufig  um die  Betten im Kreis herum und ist zur Stelle, wenn was gebraucht wird.

 

Rita Engel in segnender Pose auf der Himmelsleiter über den Feldbetten:

Ich bin Engel. Ein Engel aus Überzeugung. Ich sehe zwar amerikanisch aus, bin aber durchaus im weitesten Sinne germanisch. Ich habe den direkten Kontakt zum Kosmos. Ich tue das, war mir der Moment eingibt. Ich bin ein Medium höherer Energien. Ob Sie an Engel glauben oder nicht – ich bin einer. Ich könnte auch Lederhosen tragen oder eine Burka, auf einer Harley Davidson herdonnern oder mit einem Dreirädchen. Die höheren Energien sind real. Ich wünsche Ihnen ein dreifach kräftiges Halleluja!

 

Alle ungläubig murmelnd :

Halleluja!

 

Rita Engel:

Worte der Heiligen Petra, unserer Klinikchefin!

 

Als Videoprojektion im Hintergrund die Arbeitskriegsbilder überblendend: Die Heilige Petra als stumme, überlebensgroße, überweichgezeichnete Gestalt mit üblichen Klischees wie weißem Gewand, wallendes weißes Haar etc. Ein weiblicher Petrus, der das Arbeitsklima „mütterlich“ zu beschwichtigen / besänftigen versucht.Klimabegünstigungsmetaphorik,  himmlische Geborgenheitsassoziationen etc.

 

Rita winkt Purzel herbei, der daraufhin mit seinem Fahrrad nach vorne Mitte fährt, absteigt und einen Brief aus seiner Brusttasche zieht, öffnet und vorliest. Er spricht gebrochen, z.T. mit fremdländischem Akzent:

 

Isch glaube an die Allgewalt

des Lächelns

Mir ist immer wohl,

auch wenn ich selbst

einen Herzfehler habe

Ich könnte jeden Moment

Sterben,

tue es aber nicht

Ich habe Mitarbeiter,

wie Kinder,

die mich lieben,

Ich bin die Mutter

und das Leben

Auch wenn wir nicht froh sind,

sind wir froh,

wir bringen das systemische Lächeln

Sonst ginge das Leben nicht weiter

Gesundheit ist eine Frage

Der Lebenseinstellung

Isch glaube an die Gesundheit

der Heiterkeit

und an meine Gartenanlage

Manchmal sitzen wir unter Pyramiden

und grillen

Unser Klima ist nicht versaut

Wir bauen vor

Wir dämmen das Unmögliche ein

 UnisonoBehandlung im SeelenKeller

Alles für Ihre Genesung

Ich bin das Paradies

Ich kenne keine Zweifel

Ich vertreibe sie

Unsere Bücher sind gut gefüllt

Ich vergrabe keine Talente

Ich bin die Allverstärkerin,

die Ruhe und das Leben.

 

 

Bettenverteilung, zweite Runde / Monologische Bekanntschaft

 

 

Frau Ka:

Ich habe einen Chefarztbehandlungstarif.

 

Purzel steckt den Brief wieder in die Brusttasche und fährt mit dem Fahrrad um die Betten herum zu Frau Ka. Rauschgoldengel klettert vonüber den Betten quer liegender Himmelsleiter herunter und eilt ebenfalls zu Frau Ka.

 

Rita Engel zu Frau Ka:

Unsere Chefin muss sich gerade einer Herzoperation unterziehen.

 

Frau Ka:

Und wer behandelt mich jetzt?

 

Rita Engel:

Wir setzen auf Selbstheilung.

 

Frau Ka:

Wie?

 

Rita Engel:

Sie  machen alles selbst.

 

Frau Ka:

Bezahlt das die Kasse?

 

Rita Engel:

Sorge dich nicht, lebe!

 

Frau Ka:

Hatten Sie schon ein Burnout?

 

Rita Engel:

Jedes Jahr nach Weihnachten.

 

Frau Ka:

Und dann?

 

Rita Engel:

Ist bei uns im Mitarbeitervertrag geregelt. Zwischen den Jahren dürfen wir uns darein legen.

 

Deutet auf die Feldbetten.

Spot auf das Feldbett rechts unten, wo die Majorin liegt und sich nun aufsetzt.

 

Majorin:

Manchmal mache ich mir

Tabula Rasa

Ich mach mir den Kopf leer

Indem ich nicht mehr aufstehe

Aber der Traum wie der Alptraum

Belästigen mich

Mein Gehirn ist hyperaktiv

ReizReaktionsgeschädigt

Immer ist irgendwo Front

 

Ich kann nicht nichts tun

Nichtstun ist unmöglich

Immer zuckt was und

Macht mich wahnsinnig

Immer schmerzt was

Und hält mich von mir selbst ab

Ich will alles richtig machen

Ich mache alles richtig

Auch Gesundwerden ist eine Herausforderung

Ich wollt, ich könnte ewig schlafen ….

 

 

Prof. Fritz:

Es ist nicht die Arbeit

Es ist nie das Außen

Es ist immer das Innen

Das lernen Sie hier

Dass es immer mit VaterMutterSohn zu tun hat

In der tieferen, noch tieferen Ebene

Es ist immer das Drama

Des Ungeborenen, Abgetriebenen

Nichtgelebten und so weiter

 

 

Spot wieder auf Frau Ka und Rita Engel.

 

Frau Ka:

Ich möchte ein Einzelbett.

 

Rita Engel:

Die Kasse bezahlt jetzt nur noch Sammelunterkünfte. Tröstend Das hat aber auch Vorteile.

 

Prof Fritz, ruft:                                                            

Sie dürfen oben schlafen, wenn Sie wollen.

 

Purzel fährt mit dem Fahrrad vor und lacht. Deutet auf den Gepäckträger.

 

Rita Engel zu Frau Ka:

Fahren Sie nur mit! Steigen Sie auf. Purzel zeigt Ihnen alles. Rufend zum Prof:Danke, Professor!  erläuternd zu Frau Ka: Prof. Fritz kommt jedes Jahr. Er kennt sich aus.

 

Frau Ka in ihrem grauen Kostüm setzt sich etwas ängstlich rittlings auf den Gepäckträger, Purzel ermuntert sie gestisch, sich bei ihm festzuhalten. Frau Ka umschlingt ihn von hinten. Sie fahren eine Runde, dann setzt Purzel sie vor den Betten ab und lässt sie absteigen.

 

Prof Fritz,  steht auf, verneigt sich und stellt sich vor:

Grüß di! Fritz mein Name.

 

Frau Ka:

Guten Tag. Ka.

 

Purzel lacht und fährt weiter.

 

Prof Fritz:

Purzel macht alles möglich.

 

Frau Ka:

Therapiert er auch?

 

Prof. Fritz:Rita Engel:

 

Alles. Raunend sich zu ihr vorbeugendEr ist ihr Ex. Deutet auf Rita Engel. Ihr Ein und Alles. Funktioniert aber prima.

 

Prof stellt Frau Ka die Himmelsleiter ans Bett, damit sie hochklettern kann.

 

Prof. Fritz zu Frau Ka:

Aufi geht’s.

 

Frau Ka:

Mir wird schwindlig.

 

Prof. Fritz:

Das ist eine interessante Erfahrung.

 

Er hält ihr die Himmelsleiter fest. Unsicher schwankend steigt Frau Ka hoch und rollt sich dann ins Bett oben.

 

Prof. Fritz:

Prima, Frau Ka!

Frau Ka setzt sich nun auf den Bettrand.

 

Prof. Fritz:

Nicht herunterschauen. Geradeaus blicken!

 

Frau Ka tut wie  geheißen, baumelt schließlich sogar mit den Beinen.

 

Frau Ka:

Sehen Sie mich?

 

Prof Fritz:

Halt von unten.

 

Purzel fährt vorbei. Bleibt mit dem Fahrrad stehn  und lacht freundlich zu Frau Ka hoch.

 

Frau Ka:

Ich bin es gewohnt, alles alleine zu managen.

 

Majorinsteigt aus dem Bett: Ich interessiere mich nicht für andere.

 

Purzel winkt ihr. Majorinnimmt das Fahrrad und radelt weg.

 

Prof. Fritz turnt nach oben und setzt sich auf das gegenüberliegende Feldbett, zu Frau Ka:

Schießen Sie los!

 

Purzel setzt sich währenddessen auf die Himmelsleiter und putzt seine Schuhe.

 

Frau Ka:

Man kann Geld machen

Ohne verrückt zu werden

Man kann Kapitalist sein

Und trotzdem wahnsinnig interessant

Der Kapitalismus ist wie das Leben selbst

Uferlos und unverschämt

Ich war Maklerin ohne Makel

Ich führe Menschen wie Geschäfte

Ich bin geschult

Man kann auch sagen:

Ich wurde mit allen Wassern gewaschen

Ich liebe meine Arbeitnehmer

Sie sind das Wichtigste,

was wir haben

die Ressource neben Gas, Öl, Sonne,

Wind und Ozean

Man muss Menschen

Von sich selbst begeistern können

Ich selbst bin das Leben

Gnadenlos ruhelos

Und voll plötzlicher Katastrophen

Ich bin nicht zu bändigen

 

Rita Engel:

Wo ist der Student?

 

Frau Ka:

Er schläft unter mir.

 

Student, zerzaust aus dem unteren rechten Feldbett kriechend:

Schön wärs.

 

Purzel steigt  von der Himmelsleiter und hilft ihm aus dem Bett.

 

Rita Engel:

Ich mache Ihnen ein Lavendelpäckel.

 

Student:

Kann ich auch eine Spritze?

 

Rita Engel:

Jetzetle machen wir erst mal noch Ihre Aufstellung, dann krieged Sie alles.

 

Winkt dem Prof., der Majorin und Purzel, dass sie sich vom Studenten „aufstellen“ lassen. Alle stellen sich rechts auf in verteilten Feldern. Student links, sie betrachtend.

 

 

Student:

Ich habe keine Fragen.

 

Rita Engel:

Das kommt noch.

 

Majorin radelt wieder herbei, sieht, dass die Betten frei sind, turnt auf die Himmelsleiter und vergräbt sich in das obere Bett des Professors.

 

Student:

Ich habe auch ein Statement vorbereitet.

 

Rita Engel und Purzel bedeuten den andern, sich auf dem Boden niederzulassen und zu lauschen. Die anderen seufzen und hocken sich z.T. gähnend hin.

 

Student, vorne an der Rampe sich aufstellend

Das Leben liegt schon hinter mir.

Seit es vor mir lag.

 

Ich bin ganz international verlernt.

Und habe schon einige Abschlüsse hinter mir.

Ich bin mir selbst eine MasterCard

– multilingual, multifunktional.

Ich liebe wie ich lebe

mehrdimensional selbstoptimiert

Ich liebe pluralistisch effektivintensiv

Meine Freundinnen sind schön.

Ich bin schön.

Wir sind sehr intelligent.

Wir haben gelernt, optimistisch zu sein

Und an den ewigen Aufschwung zu glauben

 

Ich liege schon hinter mir

Obwohl gestern noch alles Zukunft war

 

Ich kann nichts mehr zu mir nehmen

Ich muss erstmal Platz schaffen

 

Alles ist in mir eingedrungen

Durch meine Poren und Hirnschranken

Ich bin vor mir selbst

Nicht sicher

 

Ich habe aufgehört zu schlafen

Um nichts zu versäumen

Das Leben ist zu kurz

Um zu schlafen

Schläfer sind Terroristen

Ich bin immer hellwach

Unter Strom

Ich bin hochdosiert

Und undurchdringlich berechenbar

zuverlässig und innovativ

 

Ich tue, was getan werden muss

Ich packe alles an

Was sich mir in den Weg stellt

 

Ich bin Hochleistungsleber

Ich bin auf hundertachtzig,

kann aber auf Knopfdruck

auch herunterschalten

in den Entspannungsmodus

 

Ich habe alles gelernt,

um erfolgreich zu sein

 

Ich will sogar Frauen und Kinder haben

Ich will alles,

was dazu gehört

Ich will dazugehören.

 

 

Die anderen klatschen höflich. Stellen sich auf.

 

Rita Engel:

Jetzt atmen! Alle atmen!

 

Alle atmen.

 

Rita Engel, die allgemeine Atmung anleitend:

 

Wir werden schwanger sein.

Wir atmen uns.

Wir atmen uns goldig.

 

Alle im Chor:

Wir atmen uns goldig.

 

Rita Engel:

Wir spüren, wie sich was in uns regt.

 

Alle im Chor:

Wir spüren, wie sich was in uns regt.

 

Rita Engel:

Und das nehmen wir zur Kenntnis.

 

Alle im Chor:

Wir spüren, wie sich was in uns regt.

Wir spüren, wie sich was in uns regt.

 

Rita Engel:

Und das nehmen wir zur Kenntnis.

 

Schweigen.

 

Rita Engel:

Und das nehmen wir zur Kenntnis.

 

Schweigen.

 

Rita Engel, insistiert:

Und das nehmen wir zur Kenntnis.

 

Schweigen.

 

Rita Engelrufend:

Rudolf, komm!

 

Rudolf Purzel radelt herbei.

 

Rita Engel:

Übernimm du mal!

 

Rudolf Purzel :

Wo warst du?

 

 

 

Rita Engel:

Mentale Schwangerschaftsvorbereitung, Satz 2.

 

Rudolf Purzel sich vor die Gruppe stellend:

Wir spüren, wie sich was in uns regt.

 

Bemerkt, dass Student immer noch abseits von der Gruppe links steht.

 

Rudolf Purzel zum Studenten:

Was ist mit Ihnen?

 

Student:

Ich will doch kein Kind.

 

Rita Engel, erklärend zu Purzel:

Er kann nicht.

 

Rudolf Purzel:

Ach so.

 

Student:

Ich habe keine Zeit zum Leben.

 

Rudolf Purzel:

Ach so.

 

Majorin ungeduldig:

Können wir nun weitermachen?

 

Prof. Fritz, aufmunternd zum Studenten:

Machen Sie doch mit. Atmen müssen Sie ja sowieso.

 

Rita Engel, schelmisch:

Dürfen, Herr Professor!

 

Prof. Fritz sich verbessernd zum Studenten:

Atmen dürfen Sie doch sowieso.

 

Student:

Ich bin so müde.

 

 

Alle, im Chor:

Ich bin so müde!

Ich bin so müde!

Ich bin so müde!

 

Rita Engel zu Purzel:

Geh halt ein bissel Meeresbrise holen.

 

Purzel radelt ins Off, um Meeresbrise zu holen.

 

Frau Ka fällt in Ohnmacht.

 

Majorin:

Ich kann das nicht länger mit ansehen.

 

Majorin verschwindet. Kommt dann mit Rudolf auf dem Fahrradgepäckträger wieder hereingeradelt. Rudolf versprüht Meeresbrise. Prof. geht zum Studenten, legt ihm den Arm um die Schulter und geht mit ihm nach links, ihn in die Gruppe integrierend.

 

Alle atmen.

 

Rudolf Purzel und Rita Engel,nun gemeinsam die allgemeine Atmung anleitend:

Wir spüren, dass sich was in uns regt

Und das nehmen wir zur Kenntnis.

 

Alle, im Chor:

Wir spüren, dass sich was in uns regt

Und das nehmen wir zur Kenntnis.

 

Rudolf Purzel und Rita Engelunisono:

Wir geben dieser Regung keinen Namen

Wir atmen durch uns hindurch

 

Alle, im Chor:

Wir spüren, dass sich was in uns regt

Und das nehmen wir zur Kenntnis.

 

Rudolf Purzel und Rita Engelunisono:

alles bewegt sich,

auch die Steine in uns,

wir bewegen die Steine in uns,

die Rückenmarkssteine,

die Herzmuskelsteine

und die unentdeckten

Eine große Versteinerung

Hat in uns begonnen

Wir sind Fossile

jahrtausend-

jahrmillionenalte

Verwerfungen

haben uns geprägt

die billionste Sehnsucht

hat uns das Herz gebrochen

Wir finden in uns

Granatsplitter

aus früheren Familienkriegen

Aber wir spüren sie auf

Und spülen sie durch unser

Seelengedärm

 

Neue Aufstellung. Nun ist Frau Ka, diejenige, die sich von rechts vor die Gruppe stellt, deren Aufstellung betrachtend.

 

Majorin, ungeduldig:

Sie DÜRFEN beginnen!

 

Frau Ka:

Ich war mir ziemlich sicher

keinen zu vermissen

die Tyrannei der anderen et cetera

der Außenstehende

hat doch den Überblick

das zweite Gesicht des Fremden

Er lächelt über

die Verwursteten

Die Einsamkeit ist doch

allgemein

Wenn das Sehnen

nicht erwidert wird und so weiter

Ich habe alle Zeit

mir keine Sorgen zu machen

Aber der Rahmen der anderen

aus dem ich fallen kann

fehlt mir

Ohne Wiederstand

werden meine Worte sinnlos

Im Ohne-die –anderen-Vakuum

gibt’s keine Frage, gibt’s keine Antwort

Wer fehlt

kann nicht überraschen

Ich vermisse

dein Staunen

 

Rita Engeln:

Räkeln! Seufzen!

 

Allgemeines Räkeln und Seufzen.

 

Rudolf Purzel, munter:

Wer ist jetzt in der Reihe?

 

Majorin:

Ich hasse Gruppentherapien.

 

Die Gruppen bewegt sich von links nach rechts, bis Majorin allein seitlich, den anderen gegenübersteht.

 

Majorin:

Ich habe einen Lebenskomplex

aber eigentlich bin ich sehr witzig

Ich kann eine ganze Kompanie zum Lachen bringen

aber nicht lang

Ich bin ein überbetreuter Stein.

Erst wenn ich hundertachtzigprozent ausgedient bin

geb ich mich zufrieden

Wenn ich meine Betreuer sehe

ergreife ich die Flucht

Ich liege auf zwei Doppelmatratzen

und kann die Milbe im tiefsten Stock unter mir spüren.

Ich habe Angst mich nicht mehr bewegen zu können

Ich hüpfe und hüpfe und aknn nicht aufhören zu hüpfen

Wo ist mein Liebster

Gott sei Dank ist mein Liebster immer da

 

Sie weint.

 

Purzel nimmt sie aufs Fahrrad und sie radeln fort.

 

 

Die Gruppe verteilt sich im Raum.

Schließlich separiert sich der Professor.

 

Rita Engel nickt ihm zu.

 

Prof. Fritz:

Früher haben wir den Erbfeind vernichtet

heute vernichten wir uns selbstständig.

 

Purzel und Majorin radeln wieder herein. Majorin radelt auf eigenem Rad.

 

Prof. Fritz:

Schulung!

 

Alle stehen stramm

 

Alle im Chor:

Unser ferngesteuertes Hirn!

 

Prof. Fritz:

TestUrteilVereinbarungswächter!

 

Alle im Chor:

Kompetenzmarathon!

 

Prof. Fritz:

ListenEinheiten!

Bewertungsoffizien!

 

Alle im Chor:

DienstDienste

KonferenzKonferenzen

 

Prof. Fritz:

Test!

 

Alle im Chor:

Test!

 

Prof. Fritz:

Test!

 

 

Alle, im Chor:

Jetzt weiß ich Bescheid!

 

Majorin:

Klasse!

 

Prof. Fritz:

Ich bin Reserveoffizier!

 

Frau Ka:

Rechnungen, mit denen ich nicht gerechnet habe

 

Alle, im Chor:

Rechnungen, mit denen ich gerechnet habe

 

Frau Ka:

alles einscannen, auch Erfahrungen

 

Alle, im Chor:

und hochladen

 

Frau Ka:

vor allem Freundschaften

 

Alle, im Chor:

auf unseren Onlineserver

 

Frau Ka:

Wie könnten sonst Gemeinsamkeiten

zweifelsfrei nachgewiesen werden

 

Alle, im Chor:

Sicherheitshalber vor Brand und Diebstahl

 

Frau Ka:

wenn einer sein Gedächtnis verlöre

könnte er leugnen, mein Freund gewesen zu sein

 

Alle, im Chor:

mit ihm könnte ich nicht mehr rechnen

dass er nur Bescheid weiß

 

Frau Ka:

Ich könnte ihm Liebe und Verbindlichkeit

nachweisen

Ordentlich verbucht und abrufbar

Eine verordnete Verbindlichkeit

Immer dranbleiben und scannen

abheften und hochladen

Bescheid gegeben haben und

Bescheid bekommen

Was da war, was da ist und sein würde

wenn wir an alles denken

 

Alle, im Chor:

wenn wir an alles denken

 

Frau Ka:

immer to-do-gelistet auf neuestem Stand

immer noch einmal nachweisen

nachtragen, behaupten, widersprechen, Recht behalten

haften für Ungeheuerliches

nicht beheimatet sein

ohne BestätigungsÜberlebens- und Ablebensdokumentationen

Zweifelsfrei, am besten lückenlos

Bescheid geben

Recht haben

Rechnungen bestreiten

mit Streitigkeiten rechnen

diese einscannen

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Alle, im Chor:

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Es folgt eine Aussprache des Kliniktherapeutenpaars. Rita Engel und Purzel zum Publikum

 

Rita Engel:

Auch wenn man nicht glücklich ist,

sollte man so aussehen

Wenn einem die Haare ausfallen,

sollte man eine Perücke tragen

Wenn einem der Glauben abhanden kommt,

sollte man beten

 

Rudolf Purzel:

Es gibt die, die Macht wollen

und andere  wollen lieber unsichtbar

bleiben

 

Rita Engel:

Du hast nie einen Abdruck

hinterlassen wollen

Du bist was du bist

 

Purzel lacht

 

Rita Engel:

Damit hast du sogar

deine Schwester überzeugt

 

Projektion der Hl. Petra erscheint im Off

 

Stimme aus dem Off, die die der Hl. Petra sein könnte:

Im Paradies haben alle

ihren Frieden gemacht

das Wahrhaftige

mit dem Verlogenen

Zärtlicher Liebhaber

ist der Ausbeuter

in unserem Garten

Der Cowboystiefel

kann sich nicht selbst

in den Hintern treten

Blumen duften auch

in der Diktatur

 

Rita Engel:

Mir macht es nichts aus,

nicht Chefin zu sein

in meinem Vorhof

pulst auch das

königliche Herz

Ich bin geschickt

im Zufriedensein

und darin konsequent

 

Rudolf Purzel:

Sie kann berauschend kommunizieren

 

Rita Engel:

Die Kunst der Pralinés

versteht nur der Genügsame genug

 

Rudolf Purzel:

Ich kann es einfach nicht bedauern,

kein Reifezeugnis bekommen zu haben

 

Stimme digitalisiert aus dem Off:

Worauf es ankommt

ist das beständige Atmen

Wir sind Ihr Herzschrittmacher

und Ihr Durchblutungsgebet

Wir können Sie in Alltagstraue versetzen

Das Äußere wird unsichtbar

wenn Sie genügend scheinen

 

Rita Engel:

Ich habe nicht gelernt

aufzutrumpfen zum Glück

 

Rudolf Purzel:

Du bist eine gute Menschin

auch wenn ich dich nicht mehr liebe

 

Rita Engel:

Auch nach der Liebe

haben wir Wohnungen

und ein Girokonto

Wir haben uns geteilt

und sind dann einfach weitergegangen

 

Purzel repariert sein Fahrrad. Rita zieht ihre Schwesternkleidung an.

 

Ende des ersten Trimesters

 

 

 

 

Zweites Trimester

 

Die Feldbetten sind nun links vorne zusammengerückt. Oben auf den Betten sitzen sich gegenüber Rauschgoldengel und Majorinin flüsternder Gesprächstherapie. Rauschgoldengel macht sich auf einem Klemmbrett ständig Notizen. Majorin schreibt ebenfalls eifrig alles auf, vergleicht ihre Notizen ab und zu mit denen des Rauschgoldengels.

 

Währenddessen macht Purzel mit den anderen rechts vorne im Kreis Körperaufwärmübungen. Allmähliches SichEinSummen. Man nimmt sich bei den Händen. Rückt noch enger zusammen. Schulter an Schulter. Prof Fritz stimmt ein Lied an. „Lean on me“.

 

„Lean on me“-Songtext:

Sometimes in our lives, we all have pain, we all have sorrow.
But if we are wise, we know that there’s always tomorrow.
Lean on me, when you’re not strong and I’ll be your friend.
I’ll help you carry on, for it won’t be long ’til I’m gonna need somebody
to lean on.

Please swallow your pride, if I have things you need to borrow.
For no one can fill those of your needs that you won’t let show.

You just call on me brother when you need a hand.
We all need somebody to lean on.
I just might have a problem that you’ll understand.
We all need somebody to lean on.

Lean on me when you´re not strong, and I’ll be your friend.
I’ll help you carry on, for it won’t be long ’til I’m gonna‘ need
somebody to lean on.

You just call on me brother when you need a hand.
We all need somebody to lean on.
I just might have a problem that you’ll understand.
We all need somebody to lean on.

If there is a load you have to bear that you can’t carry.
I’m right up the road, I’ll share your load if you just call me.

Call me (if you need a friend)
Call me
(REPEAT AND FADE)

 

Man versucht gospelchoreuphorisch das Publikum mit einzubeziehen in die Heilsgesänge …Fade out.

Schließlich alle  auf dem Boden liegend. Atmend. Wow!

 

 

Spot auf die Majorin auf dem Feldbett

 

Majorin, zwischen ihren Notizbergen:

Anschreiben

Gegen die Depression

Weil man ja keinen

Anschreien kann

Keinen verantwortlich

Machen kann

Weil keiner was dafür kann

Dass es so ist wie es ist

Und dass das auch gar keinen Sinn hat

Dagegen zu sein

Weil das sowieso keinen Sinn hat

Dagegen zu sein

MAN muss immer dafür sein

SONST  WIRD MAN KRANK

JA JA

Alle sagen JaJa in der Klinik

Ja Ja und Ja Ja

und JAJA

 

 

Rita Engel und Purzel helfen der Majorin beim Absteigen vom Feldbett, nehmen dann  die Himmelsleiter, setzen Majorin darauf und tragen sie im Folgenden wie in einer Sänfte herum. Alle anderen im Gänsemarsch hinter der Sänfte. Majorinmuss lachen. Sie wird zunehmend vergnügter, je länger sie auf der Himmelsleitersänfte herumgetragen wird. Wenn Rauschgoldengel kurzatmig zu werden droht, löst der Prof. sie beim SänfteTragen ab.

 

 

Rita Engel:

Ich tue immer so,

als ob immer Weihnachten wäre

nur trinken dürfen sie nicht,

die Patienten

damit sie sich nicht selbst schaden

und anderen

Sie müssen sorgfältig behandelt werden

Sie sind Privatpatienten

Aber ohne Alkohol

Ich bin der Nachtengel

Wenn sie nicht schlafen können

Vor Lebenspanik

Ich gebe ihnen Tropfen und Kügelchen

Und auch eine Massage

Bis  0:30 Uhr

halte ich sogar für einige Minuten

Händchen

Ich teile abends

die Kuscheltiere aus

Gottvater, Maria und Franziskus

Sie werden täglich

Energetisch aufgeladen

Ich channele ihnen

Das gute Leben ein

Ich glaube nicht an den Weltuntergang

Ich bin gut erzogen

 

 

Purzel die Himmelsleitersänfte mit der Majorin darauf vorne tragend, schon ein bisschen schnaufend in  seinem fremdländischen Akzent:

Ich tu‘ nur so,

als ob ich schlecht verstehe

Ich höre nicht

Ich ahne eher,

was sie sagen wollen

Es macht mir Spaß,

den Rosenkavalier zu spielen

– oder auch Hausmeister

Ich bin hübsch

Das ist gefällig

Ich trage Hosenträger

Weil ich so hübsch bin

Ich bin immer zur Stelle

Wenn man mich braucht

Ich kann besonders gut lächeln

Weil ich gar nicht alles verstehen muss

Aber ich höre gut hin

Und versuche Worte zu formen

Die mir fremd sind

Ich bin die Antwort

 

Ich bin froh, dasein zu können.

 

 

Sie setzen die Himmelsleitersänfte ab.

 

Majorin, krabbelt herunter und verabschiedet sich:

Na dann, bis später, meine Lieben!

 

Die anderen halten ihr die Himmelsleiter, damit Majorin aufs obere Feldbett steigen kann. Dort  verkriecht sie sich. Ab und zu schaut sie aber doch neugierig von oben dem unteren Treiben zu.

 

Glockenspiel, Schalmeien, Weihnachtsmusik Jingle Bells o.ä.

Man versammelt sich.

 

Rita Engel:

Höret die Geschichte der Hl. Petra!

 

Majorin lugt neugierig aus ihrem Bett hervor.

 

Rita Engel und Rudolf Purzel unisono:

Es begab sich aber zu der Zeit,

da die Erleuchteten und die es werden wollten

einen großen Tanz aufführten

Sie kreuzten die Hände, Arme, Beine und

die Brustbeine.

Sie waren ganz da und keiner fehlte.

Sie waren sich genug und konnten nicht genug davon haben

Eine aber war besonders wach

Und das nützte allen.

Sie hatte den großen Schlüssel

zur Nacht und zur Seligkeit

Alle wussten, dass sie wusste

Und es war gut so

Sie bauten ein großes Haus

Und noch eines

Und hinein zogen die Verirrten

Und Verwirrten

Die Zweifelnden

und Verzweifelten

und es waren derer viele

und sie wurden immer mehr

so dass weitere Häuser

zu errichten waren

so viele waren sie inzwischen,

dass sie über- und untereinander

zu liegen hatten

Und als die große Ruhe

über sie kommen sollten

erschien ihnen die Heilige

in einer gläsernen Pyramide

und schaute sie an

und immer nur an

bis alle Energie aus ihr

in sie strömte

und sie zu sangen begannen

manche holten sich auch

Pferde zum Glück

und wieder andere kopulierten

insgeheim und taten Gutes

aber alle, alle

hatten vom großen Sinn genossen

und nickten und winkten

und wollten hierher

immer wieder heimkehren

und bleiben und sein

 

Prof. Fritz:

Es tut so gut, glauben zu können

 

Student:

erst kurz vor der letzten

der Sterbensphase

noch einmal

ruhig gestellt

still stehend

auch gehend

aus der unendlichen Müdigkeit aller Tage

blau blinzelnd erwacht

 

Frau Ka:

hochtourgesteuert

verordnet

verdonnert

zeitlos gezogen

freiheitsverliebt

Augen geblickt

 

Nachtfunde

Morgengestimmt

Jetztjubel

 

Majorin, aus dem Bett springend und euphorisch deklamierend:

 

O Hara !!

 

Gedicht in  meinen Unterbauch

 

Meine Beckenwiege

Sonnenzuflucht

Bärenhöhle

 

zwischen der Verdauungsfabrik

soll die Seligkeit sitzen –

 

oder steckt sie

sogar mitten im Mist?

 

Ei, wie sie sie da in den wabbelnden

Enzymzersetzungsbakterien

kultiviert ins Metatronzeitalter schwingt ….

 

ganz wundverschlungen

gluckst sie im Schaufelgehänge

da, wo die Liebe denkt,

Nachbarin Freundschaft

Und Kinder ihren Platz finden

 

eia popeia Gaia

der Ochse brüllt

wie das Ooohm

 

geborgen im Lebensfett
halten und walten die Felle, Sehnen, Gewebe

strenge Nerven und Blutgeflechte

zerfasernde Zellen und kugelige Kerne

alles verzweit und beeilt sich

im Strom zu bleiben

 

hin und her

oben, unten

 

O Hara passt auf

Und ihr Tönen hält

 

Feierliche klassische Frühlingsmusik, z.B. Vivaldi

 

Rita Engel, in die Hände klatschend:

Das klingt doch schon sehr schön, meine Damen und Herren!

 

Alle,  durcheinander murmelnd:

Ja, ja, schön, ganz schön schön.

 

Rudolf Purzel:

Alles findet sich.

 

Rita Engel:

Haben Sie auch heute schon in sich hineingespürt?

 

Frau Ka:

Ich sehe immer nur meinen Chef.

 

Prof. Fritz:

Verwandeln Sie ihn in einen Igel

 

Rudolf Purzel:

Oder in einen Schwan

 

Frau Ka:

Igitt

 

Majorin beginnt zu joggen.

 

Prof. Fritz:

Ich habe ein mächtiges Königreich, manchmal sogar zwei. Ich diene und diene und vergesse das Mittagessen. Ich bin ein braver Bub.

 

Student:

Ich konnte bereits einen Wurstzipfel herunterwürgen. Wenn ich wieder lesen kann, werde ich mir die FAZ abonnieren.

 

 

Rita Engel:

So haben Sie also Einkehr gehalten.

 

Majorin joggt vorüber, winkt, ruft etwas.

 

Rita Engel:

Wir können Sie nicht verstehen

 

Majorin, kichernd an die Bühnenrampe zum Publikum:

Manchmal schlafe ich ein,

einfach so

Ich habe geträumt,

ich könnte mich so entspannen,

dass ich einschlafen kann

Es war natürlich ganz irreal,

aber manchmal vergesse ich

einfach, wer ich bin

Köstlich!

 

Glöckchengeklingel. Auf der Projektionsfläche erscheint ein milchiges Licht, konturenlos.

 

 

Prof. Fritz:

Wir, die „Gruppe der Anonymen Beschimpfer“ haben einen chorischen Text vorbereitet.

 

Rita Engel , etwas irritiert zu Purzel schauend:

Ja, nun. Hhm. Wir haben eigentlich für die heutige Gruppentherapie ein Märchenvorgesehen …

 

Frau Ka:

Nicht bewerten, fließen lassen!

 

Purzel lacht.

 

Rita Engel, räuspert sich:

Nun denn, wenn‘s der Selbstbefreiung dient.

 

Student:

Immer.

 

Rita Engel:

Denken Sie aber daran, den Körper mitzunehmen.

 

Frau Ka, bestürzt zu Prof. Fritz:

Oje, den haben wir wieder vergessen.

 

Majorinvom Feldbett herunter:

Scheißkörper!

 

Rudolf Purzel:

Es wird alles gut.

 

Majorin fängt an zu weinen.

 

Prof. Fritz zu Rauschgoldengel:

Vielleicht könnten wir lediglich eine Schattenprojektion…?

 

Rita Engel:

Sie dürfen machen, was Sie wollen.

 

Frau Ka:

Ich habe Angst.

 

Prof. zieht sie hinter die nun von vorne beleuchtete Projektionsleinwand, so dass sie nur noch als hinter und neben einander tanzende Schatten zu sehen sind.

 

Prof. Fritz:

Machen Sie mir einfach alles nach.

 

Student:

Aber ganz langsam.

 

Verschwindet ebenfalls als Schattenprojektionstänzer hinter der beleuchteten Leinwand.

 

Purzel, als Ansager vor dem Publikum:

Meine Damen und Herren! Wir präsentieren heute: „Die Gruppe der Anonymen Beschimpfer“ ! Ein chorischer Text mit gaaaaanz langsamem QiGong!

 

Prof. Fritz, Frau Ka und der Student machen während des  folgenden chorischen Textes einen TaiChi-ähnlichen Schattentanz in Zeitlupe. Der Tanz kann aber auch zeit- und ruckweise kriegstanzähnliches Stampfen etc. beinhalten, mit ganzem Körpereinsatz, dann wieder spirituell-ideelle Langsamkeit.

 

 

Chortext  der „Anonymen Beschimpfer“

 

Prof. Fritz, tanzend, fragend:

Wen beschimpfen Sie?

 

Frau Ka, seine Bewegungen langsam nachvollziehend:

Ich beschimpfe

Die Ohrenspitzer

Und Unglücksschmieder

 

Student, ebenfalls nachtanzend:

            Die dir die Zunge verknoten

Und sich dann zuprosten

 

Prof. Fritz, Frau Ka, Studentim Chor, nebeneinander tanzend:

WIEDER EINEN ZUM MAULAFFEN

GEMACHT

KUSCH KUSCH

Sonst verdienst du nicht

KUSCH KUSCH

 

Prof. Fritz:

Hier gibt’s Lose

Student:

WERT-LOSE

 

Prof Fritz:

Und TÜCHTIGKEITS-LOSE

 

Frau Ka:

            Reingegriffen und gelacht

Jetzt wird SINN gemacht

 

Student:

SINN-LOSE

Zum ersten, zum zweiten

 

Frau Ka:

Hauen Sie rein

Hier gibt’s sogar

 

 

Student:

PHANTASIE-LOSE

 

Frau KA:

Sie Niete,

ziehen Sie eins

 

Prof. Fritz:

Und machens fein Theater

 

Frau Ka:

            Vor dem Herrn

 

Prof. Fritz:

            Halleluja in der

 

Student:

                        Belle Etage

Prof. Fritz:

            Es gibt sie noch

 

Frau Ka:

            Die Gläubiger

 

Student:

                        der Gutgläubigen

 

Prof. Fritz:

            Halleluja

 

Frau Ka:

                        Du bist ein Wert

 

Student:

                        Ein Wert

 

Prof. Fritz:

Ein Wert

 

Frau Ka:

            Verfallen, gefallen, verwildert

 

Prof. Fritz, Frau Ka, Student:

            WIR WÜNSCHEN IHNEN FÜR DEN

WEITEREN LEBENSWEG

ALLES WEITERE

UND SO WEITERE

 

Majorinvom Feldbett heruntersteigend:

ICH HALT DIE LUFT AN

 

Frau Ka:

            ICH HALT DIE LUFT AN

 

Majorin:

            Nicht atmen

 

Prof. Fritz:

                        Nicht leben

 

Student:        

                        Lebensaussetzer

 

Prof. Fritz:

                        Vielleicht dann

 

Majorin:

Wenn ich tot bin

 

Student:

                        Atme ich auf

 

Alle vor die Projektionsleinwand, verbeugen sich. Majorin  applaudiert. Rita Engel und Purzel applaudieren. Bedeuten dem Publikum, ebenfalls für die Patienten zu applaudieren.

 

Rita Engelwie bedauernd zum Publikum:

Sie sind erst im zweiten Trimester. Sie verstehen…

 

Majorinmit einem Mal unbeirrt:

Wie die alle so wichtig tun

 

Spot auf die Majorin, die jetzt auf der Himmelsleiter auf- und absteigend deklamiert:

Majorin:

            Die Geldverdiener und

Geldverlierer

Die Obertüchtigen Allfunktionierer

Die HerzlichenDankMissbraucher

Und Intransparenz-Faucher

Die immer wissen was zu tun ist

Und immer so tun als ob

Dass alles nur sportlich

Zu nehmen sei

Das ganze Leben und

Vergebliche Vergehen

Ein Kapitalsportereignis

Kopf verloren

Hirn verbrannt

Kein Problem

Wo ist die nächste

Katastrophe

Komm nur

Ich bin der Chef

Sie können mir glauben

Sie werden verstehen

Sie dürfen jetzt gehen

 

Hahaha

Hahaha

Herr, hab  Erbarmen

Lass mich Armen

Weiter für dich arbeiten

 

Und tragen des  anderen Last

Und halten ihm

ein Lächeln hin

 

Herzlichen Gruß

Herzlichen HerzStillstand

 

Wir bedauern

außerordentlich

 

Nächster vor

Sie verstehn ….

 

Majorin hat sich nun in Rage deklamiert. Springt beherzt von der Himmelsleiter und verbeugt sich exstatisch, wirft die Arme hoch.

 

Die anderen Patienten klatschen ihr begeistert Beifall und machen La Ola. Dann Küsschen für die Majorin von Prof. Fritz zuerst, dann auch von Frau Ka, dem Studenten und Purzel, auch schließlich vom Rauschgoldengel.

 

Rita Engel  nachdem sich die Szene wieder etwas beruhigt hat:

Mir hat besonders der religiöse Ton gefallen.

 

 

Die Patienten machen einfach ausgelassen weiter, ohne auf sie einzugehen. Jetzt fröhlich im Wechsel vor- und zurück tanzend wie in einer Revue CanCan-artig in der Reihe, die Beine hochwerfend, einschließlich Majorin, die jetzt dazu gehört.

Tanz-Musik, z.B. LindyHop,  leise im Hintergrund

 

 

Revuetanztext

 

Frau Ka:

Ich hatte was Besseres zu tun

 

Majorin:

Ich hatte keine Zeit,

 

Student:

            mich vor Ihnen in Sicherheit

 

Prof. Fritz:

zu bringen

 

Frau Ka:

Ich hatte keine Zeit

 

Majorin, fröhlich.

Ihnen eins auszuwischen

 

Prof. Fritz:

oder eine freundliche

 

Student:

            Schutzstrategie

 

Frau Ka:

                        zu ersinnen

 

Majorin:

Ich hatte keine Zeit

 

Frau Ka:

mich auf den Montag

 

Student:

                        vorzubereiten

Prof. Fritz:

Für mich ist heut Sonntag

 

Majorin:

            und morgen wahrscheinlich

 

Student:

                                   auch

Frau Ka:

Ich hatte nämlich was Besseres vor

 

Alle:

JA

 

TanzMusik weiter im Hintergrund. Allmächlich sehr langsam werdend.

Alle nun Zeitlupen-Cool-Down-Bewegungen bis Stillstand.

 

Rita Engel, hustend:

Ich schlage vor, dass wir uns noch einmal sammeln und zum Abschluss heute einen meditativen Kreistanz machen.

 

Alle, etwas lustlos sich aufstellend, auch Rita Engel und Rudolf  und Purzel im Kreis sich an den Händen fassend im Pilgerschritt sich wiegend zwei vor, einen zurück.

 

Kreistanztext

 

Alle,chorisch:

 

Die einzig Normalen

Sind doch die,

die nicht gut drauf sind

die’s einfach nicht drauf haben

zu grinsen, zu talken

und danke zu sagen

Danke, dass Sie mich angeschissen haben,

herzlichen Dank

dass ich mich nicht

auf Sie verlassen kann

Danke für die Zeit

in der ich mich

noch nicht verlassen glaubte

Danke für diesen

guten Montagmorgen

wo alles wieder von vorne beginnt

Danke für diese

Arbeitswoche

die wieder allerhand

Ärger bringt

Totgestellt haben wir uns

Und trotzdem angetreten

Es ist ja alles so wichtig

so oberwichtig und

FORMVOLLENDET

Das endet ja nie,

das geht ja nicht gut aus

Der Anfang geht noch

aber dann wird es immer

endloser

Ich gehe

also bin ich

Ich gehe hin

also verdiene ich mich

Ich bin sehr

bewegt

 

HAT SIE BEI DER ARBEIT

LEZTE WOCHE

WAS BEWEGT?

 

WUT hat Sie bewegt

Gut, dass Sie die Bewegung spüren

 

SIE FÜHLEN SICH NUR SO

TOTENKALT AN

SIE SEHEN NUR SO BLEICH AUS

SO GRAU UND VERENDET

VOR DER ZEIT

 

ABER VERDIENT

SIE HABEN SICH DAS ALLES

SCHWER VERDIENT

DASS SIE SO DRAUF SIND

DASS SIE DAS KÖNNEN

SO DRAUF SEIN

DASS KEINER MERKT

WIE FURCHTBAR

TRAURIG SIE SIND

 

Dunkel

Ende zweites Trimester

 

 

 

Drittes Trimester

 

Das Märchen

 

 

Die beiden Feldbetten jetzt wieder mittig vorne, die Himmelsleiter als obere Brücke zwischen den Betten

Musik: Kinderchor, „Dornröschen war ein schönes Kind“, alle Strophen, die Gruppe bewegt sich pantomimisch entsprechend zum Liedtext

 

Rita Engel, oben auf der Brücke sitzend, neben ihr Rudolf Purzel

So lange hatten der König und die Königin schon auf ein Kind gewartet, aber es kam keins. Rita Engel fängt an zu weinen, Purzel legt den Arm um sie.

 

Frau Ka:

ICHWILLKEINGELDVERDIENENMÜSSEN

 

Rita Engel, sich schneuzend:

Können Sie das bitte positiver formulieren

 

Frau Ka:

Meine Mutter ist mir sehr lieb.

 

Rudolf Purzel, tröstend über Rita Engels Haar streichend:

Schon besser

 

 

Frau Ka:

Mein Ego macht Sperenzchen

 

Prof. Fritz:

Sie haben Humor

Erfolg wäre

 

Frau Ka:

Ich kann gut lachen

 

Rita Engel:

Der Patientin fehlt Ausdauer.

 

Majorin

Dysfunktionale Selbstbezüge.

 

Frau Ka:

Für was?

 

Student:

Im Allgemeinen

 

Frau Ka:

Wo bekomme ich die her

 

Majorin:

sehr teuer

 

Frau Ka:

Geld spielt nur eine Nebenrolle – irgendwie

 

Prof. Fritz:

Das Leben ist kein Preisausschreiben

 

Majorin:

Nein?

 

Prof. Fritz:

Sie können ja auch nur bedingt

was dafür, dass Sie so sind

 

Rudolf Purzel:

Eben.

 

Prof. Fritz:

Es könnte schlimmer sein.

 

Rudolf Purzel:

Genau.

 

Rita Engel:

Lasst uns weiterspielen!

 

Alle in Position.

 

Rita Engel:

Da endlich gebar die Königin ein kleines Mädchen Rita Engel hechelt, windet sich wie in Wehen

 

Rudolf Purzel, sehr schnell:

…. das war wunderhübsch und die Freude im Schloss unermesslich. Der König ließ alle Feen des Landes einladen, dass sie zur Geburt gratulieren konnten.

 

Rita Engel:

Aber wir hatten nicht genug goldenes Besteck

 

Rudolf Purzel:

Da wurde die dreizehnte Fee wieder ausgeladen.

 

Frau Kaals böse Fee:

Das wird euch teuer zu stehen kommen, ihr feistes Königspack!

 

Majorin im unteren Feldbett rechts als Baby-Dornröschen bitterlich schreiend.

 

Purzel als Koch zur Prinzessin eilend, um sie zu trösten

 

Rita Engel:

Und die Feen kamen, um der frisch geborenen Prinzessin ihre guten Wünsche zu bringen ….

 

Rita Engel und Purzel bringen zur Untermalung der Märchenszene Musikinstrumente zum  Einsatz, Schalmeien, Glockenspiel usw.

 

Prof Fritz, Student und Frau Ka als Feen verkleidet

 

Prof. Fritz tritt als gute Fee 1 an das Kinderbett:

Ich bin die erste Fee. Ich wünsche dem goldlockigen Dornröschen einen nicht-prekären Arbeitsplatz

 

Student:

Ich wünsche ihm ein Girokonto.

 

Prof. Fritz:

Teamfähigkeit.

 

Frau Ka:

Leistungswille!

 

Sie lacht bösartig

 

Prof. Fritz:

Darstellungsfreude

 

Frau Kamit hexischem Vergnügen:

Rente mit 87 hihihi

 

Student:

Anti-Aging

 

Frau Ka, betont gelangweilt:

dreifach serielle Monogamie

 

Prof. Dr. Fritz:

sechs Kita-Plätze für die Kinder

 

Wünsche  immer schneller vortragend

 

Student:

einen Medikamentenkoffer

 

Prof. Fritz:

Frustrationstoleranz

 

Frau Ka, böse raunend:

Und wenn sein Feuer erwacht, soll sein ganzer Staat den Bach runtergehen. Verflucht!

 

Majorin  als Dornröschen schreit erbärmlich, Rudolf Purzel singt ihr ein Wiegenlied. Rita Engel begleitet ihn auf einer Blockflöte.

 

Prof. Fritz, jovial:

Hhm . Also ich mildere das jetzt mal ab: Sagen wirHundert Jahre Schlaf für alle!

 

Student:

Kann der Prinz dann auch was davon haben?

 

Rita Engel, ihn schelmisch ermahnend:

Sie sollen doch durch die Dornenhecke kommen und Dornröschen aus dem Schlaf küssen.

 

Student:

Ehrlich, ich würde lieber erst mal schlafen.

 

Frau Ka:

Das ist alles erotisch konnotiert, mein Lieber. Ich war auch mal Geschäftsführerin der psychoanalytischen Märchen & Co Company….

 

Student:

Und wie machen wir die Dornenhecke?

 

Frau Ka:

Kein Problem. Das sind doch Dornröschens Depressionen. Da kommt erst mal keiner durch. Aber mit der Pubertät verwachsen die sich ja meistens zum Glück.

 

Prof. Fritz:

Also jetzt – Ohrfeigen!!!

 

Alle ohrfeigen sich.

 

Prof. Fritz:

Langsamer!

 

Alle ohrfeigen sich langsamer. Auch Rita Engel und Rudolf Purzel ohrfeigen sich.

 

Prof. Fritz:

Immer wenn ihr euch ohrfeigt, bleibt die Zeit stehn.

 

Student:

Und dann dürfen wir schlafen

 

Rudolf Purzel:

Genau

 

 

Prof. Fritz:

Nein, der Prinz nicht.

 

Alle kriechen in und auf die Betten und schnarchen außer dem Student, der als Prinz jetzt außen vor ist.

 

Student, nun allein, mit dem Rücken zum Feldbetten-Schloss, zum Publikum:

Ich wusste gar nicht, wie müde ich war. Ich bin noch so jung und habe schon fast alles erlebt. Drei Bachelor, ein Master und vier Auslandsaufenthalte. Mehrere Freundinnen. Einmal fast verheiratet. Ein abgetriebenes Kind. Wer schnell lebt, ist schnell fertig. Es dreht sich alles immer schneller. Ich habe immer getan, was ich musste. Das heißt, ich habe schon vieles entschieden. Entschlossenheit ist der Schlüssel zum Erfolg. Nie stehenbleiben. Ich wachse unaufhörlich und komme nicht weiter. Ich weiß nicht, was Tiefe heißt, weil ich unablässig expandiere. Ich bin zur ständigen Selbstoptimierung verdammt. Und jetzt soll ich auch noch Dornröschen retten. Ich bin doch selbst in therapeutischer Behandlung. Ich muss immer weiter machen, ich finde keine Ruhe. Meine Seele ist hin. Ich bin ein rasender Jüngling. In meiner Freizeit mache ich natürlich Sport. Ich habe eine gute Konstitution. Ich kann singen, dass Ihnen die Ohren abfallen. Ich spreche viele Sprachen gleichzeitig. Ich bin Master des Simultanmanagements und Glücksprophetsbachelor. Ich habe viele Leben. Ich bin der mit allen Wasser gewaschene Kater. Ich bin die Zukunft, der Dauerlauf und ein einziges Energiebündel. Ich bin die Entfesselung der ungenutzten Möglichkeiten. Ich bin sexy. Ich bin sexy. Ich habe keine Angst. Ich habe gelernt, sehr einfühlsam kommunizieren. Ich bin die Angst, die Wahrheit und die Großbaustelle.

Aber Dornröschen … es soll ja schon als Teenie in die Fänge einer ökonomistischen Sekte geraten sein. Seine Eltern wollten auch nur das Beste …Ein Königreich auf Erden für alle bildungsnahen Einzelkinder. Ich bin zu positiv thinking verflucht. Ich muss Dornröschen retten. Weg mit den schwarzen Gedanken! Taten wollt ihr sehen … Ich kenne keine  Faulheit. Ich bin der tätige AllInclusivTyp. Ich kann alles erreichen. Ich komme überall hin. Rennt zum Dornröschenbett und bricht dort zusammen.

 

Majorin:

Wie günstig. Ich habe sowieso  kein Interesse an Geschlechtsverkehr.

 

Rita Engel:

Sie sollten aber doch mal wieder an eine neue Partnerschaft denken…

 

Bläst auf Schalmeien, Purzel spielt nun eine Triangel usw.               

 

Frau Ka:

Hier geht es ja drunter und drüber. Ich dachte, Paarbildungen stören den selbstanalytischen Prozess.

 

 

Prof. Fritz:

Hier fehlt eine klare Klinikleitungsdirektive!

 

Rita Engel:

Fürchtet euch nicht. Ich verkünde euch eine große Freude!

 

Majorin:

Sie sind im falschen Stück.

 

Purzel lacht. Majorin freut sich darüber.

 

Prof. Fritz:

Das geht ganz tief rein. Das sind ganz viele Ebenen. Bei meinem letzten Aufenthalt bin ich bis zu meiner Urgroßmutter gekommen. Sehr dominant. Lustfeindlich und so weiter. Ich spreche nicht mehr mit ihr. Konsequente Abnabelung.

 

Purzel:

Bravo!

 

Die anderen schauen ihn erschrocken an.

 

Prof. Fritz:

Ja, dann holen Sie doch endlich den Gaul!

 

Rita Engel:

Denn sehet, der Retter ist nah!

 

Purzel holt sein Fahrrad. Hilft dem Student beim Aufsitzen und schiebt ihn an. Student radelt um das FeldbettenSchloss herum.

 

Der Student küsst die Majorin. Anschließend küssen sich alle und tanzen Ringelreihen.

 

Rita Engel:

Wenn das die Chefin sehen könnte!

 

Rita Engel und Rudolf Purzel küssen sich

 

Rita Engel und Rudolf Purzel, treten hervor

Höret die Worte der Heiligen Petra:

 

Die Heilige Petra als Videoprojektion erscheint im Hintergrund

 

Die Theatertherapie wird unsere Klinik wieder auf Vordermann bringen. Ganz schnell werden die Patienten die neuen Selbstbewusstseinsrenditen in ihrem beruflichen wie privaten Leben umsetzen können. Die Konkurrenz schläft nicht. Ein  Konzept mit Zukunft. Die Kassen werden noch dahinterkommen. Bühnenkompetenz! Grandiose Evaluationserfolge! Nur die Schlaffähigkeit ist noch nicht zufriedenstellend. Insgesamt aber kann mit einem Leistungsertrag in bisheriger Höhe gerechnet werden.

 

Alle klatschen.

Verbeugung.

Dämmerlicht.

 

 

Abspann

 

 

Prof. Fritz,  mit Hut:

Früher als Junger

fühlte sich die Einsamkeit an

wie eine Viruserkrankung

Man hatte sie zu überstehen

Sie ging vorbei

Eine vorübergehende LebensfreudeGefährdung

Es gab Zeiten der Anfälligkeit

Der Biorhythmus erlahmte

zwischen vier und fünf Uhr nachmittags

oder an Sylvester

im VorKater allein oder mit anderen

im NachGejammer

dem aber bald wieder

ein gemütlicher Austausch

folgte

eine Vorfreude auf Anerkennung

der eigenen Fröhlichkeit,

des Lebens- und Erkenntnisgenusses

des immer wieder Netze-Auswerfens

Überraschungen einsammeln

und Freundlichkeiten

Euphorisches  herannahen fühlen

und lauschen   – erstaunt –

auf Wurzelgeheimnisse,

die ihre Fühler ins Werden

ausstrecken

 

Majorin, hastig mit Plüschtiergepäck und Medikamentenkofferbeladenüber die Bühne ins Off:

Sie vermiesen mir den Abgang!

 

Prof. Fritz:

Viel Spaß an der Arbeitsfront!

Lüftet seinen Hut

 

Purzelüber die Bühne radelnd, mit Rauschgoldengel auf dem Gepäckträger:

Alles wird gut!

 

Rita Engel:

Alles ist gut!

 

Purzel lacht.

 

Im Hintergrund Blitzprojektionen von Geburten, Babys, auch Babys im Tierreich, säugenden Mamas etc., dazwischen ganz kurz eruptive Szenen von Wolken- und Vulkanausbrüchen, dann wieder Feuerwerk

 

Frau Ka, irritiert mit Trolley:

Und was ist jetzt mit dem Weltuntergang und so weiter?

 

Student:

Ach, das soll ja alles gar nicht haltbar sein … Diese Metapher vom Kapitalismus als Krankheit seiner absterbenden Gesellschaft und so weiter …

 

Prof. Fritz:

Aus der Rente eine Waffe machen! Meine ist sicher.

 

Frau Ka:

Kann ich mit Ihnen darüber noch einmal ein Beratungsgespräch führen?

 

Prof. Fritz, reicht ihr den Arm, beide ab, den Trolley hinter sich herziehend.

 

SchönWetterBilder als Hintergrundsprojektionen. Die Heilige Petra als verwaschenes Projektionsbild … langes wallendes weißes Haar, weißes Gewand etc.  trägt von links nach rechts die Himmelsleiter vorüber, unablässig nickend. Rauschgoldengel und Purzel auf dem Fahrrad eine Riesenspritze transportierend. Man sieht noch einmal die Majorin als Projektion hektisch sackhüpfend über der Leinwand, und Prof. Fritz mit Frau Ka jetzt Arm in Arm.  Frau Ka macht das Victory-Zeichen. Student mit Transparent „Keine Panik auf der Titanic“ taucht ganz schnell auf, stolpert und verschwindet wieder. Die Heilige Petra als verwaschenes Projektionsbild … langes wallendes weißes Haar, weißes Gewand etc.  trägt nun von rechts nach links die Himmelsleiter aus dem Bild,  unablässig gütig nickend.

 

 

Ende